Es gibt eine Diskussion, die sich in Foren, auf Booten und nach Tauchgängen endlos wiederholt: „Was ist besser – Backmount oder Sidemount?”
Die Antwort ist so unbefriedigend wie korrekt: Es gibt kein System, das in jeder Situation gewinnt. Es gibt nur das richtige Werkzeug für den richtigen Job. Wer das nicht akzeptiert, taucht früher oder später mit dem falschen Hammer in der Hand.
Vorab eine Begriffsklärung, weil sie im Forenstreit ständig vermischt wird: Backmount ist eine Konfiguration – Flasche(n) auf dem Rücken, an Backplate und Wing. Doppel 12 oder Doppel 18 ist eine Flaschenwahl innerhalb dieser Konfiguration. Man kann Backmount-Mono tauchen, und man kann ein verbundenes Doppel mit Brücke (Isolationsmanifold) tauchen. Wenn ich unten „Doppelsystem” schreibe, meine ich das über die Brücke verbundene Doppelsystem; wenn ich „Backmount” schreibe, die Konfiguration.
Das Werkzeugprinzip
Ein Schraubenzieher ist kein schlechtes Werkzeug, weil er keine Nägel einschlägt. Nur weil es unbequem ist, ein Backmount-Doppel 500 Meter im 35-Grad-Sommer zum See zu schleppen, ist es kein schlechtes System.
Jedes System hat einen Einsatzbereich. Wer den kennt, macht die richtige Wahl. Wer ihn ignoriert, macht die teure.
Backmount: stark, wo es stark sein soll
Das über die Brücke verbundene Doppel ist mehr als „viel Gas auf dem Rücken”. Sein eigentliches Argument ist das Failure-Management: Bei einem Freeflow oder defektem Schlauch schließt man das entsprechende Ventil, das ganze Gas ist weiterhin verfügbar und man atmet über den zweiten Regler weiter. Kein Gas geht verloren, das nicht ohnehin schon raus ist. Der theoretische Gegenfall – eine zerstörte Brücke, die das gesamte Gas beider Flaschen unkontrollierbar abbläst – existiert in der Literatur, ist in der Praxis aber ein Extremszenario, das als belastbares Argument gegen Doubles kaum taugt. Diese Redundanz-Logik ist in tiefen Deko-Profilen schwer zu schlagen.
Dazu kommt die Stabilität. In der Deko, an der Bootskante, im Seegang liegt das Gewicht zentriert und ruhig am Rücken. Nichts pendelt seitlich, nichts muss neu sortiert werden. Backmount ist dann das richtige System, wenn:
- der Tauchgang ein echtes Dekompressionsprofil hat und das Gasvolumen gebraucht wird
- Dünung und Seegang einen schnellen, stabilen Ein- und Ausstieg erfordern
- mehr als zwei Stages oder Deko-Flaschen geplant sind
- der Bootsaufstieg nach einem anstrengenden Tauchgang strukturierte Stabilität braucht
In diesen Situationen ist das System nicht nur gut – es ist überlegen. Backmount-Doppel für tiefe Tauchgänge im Meer mit schwierigen Einstiegen ist ein Rennwagen auf der Autobahn.

Foto: Derk Remmers
Das Problem entsteht, wenn derselbe Rennwagen auf den Schotterparkplatz gestellt wird.
Sidemount: falsch verstanden, richtig stark
Sidemount hat einen Ruf als Höhlen-Nischensystem. Das stimmt – und stimmt nicht.
Richtig ist: Im Overhead und im technischen Bereich spielt Sidemount seine Stärken aus. Schmales Profil für Restriktionen, beide Ventile und erste Stufen direkt vor dem Körper, jeder Regler im Blickfeld. Ein Valve-Drill wird zur Sichtkontrolle statt zur Nackenakrobatik, ein abblasender Regler ist sofort sicht- und greifbar.
Das ist ein realer Vorteil – aber kein Freibrief. Sidemount hat eigene Failure-Modi: „Alles selbst lösbar” gilt nur für den, der diese Szenarien geübt hat. Der direkte Zugang macht die Probleme sichtbarer – gelöst werden sie trotzdem nur durch Drill.
Ein weiterer Punkt, der im technischen Kontext oft schöngerechnet wird: Bei einem Freeflow an einer Sidemount-Flasche verliert man maximal 50 % des Gases – die andere Flasche bleibt unangetastet. Klingt gut. Wenn das Problem durch einen shutdown behoben werden kann, ist es schwierig an das Gas dieser Flasche zu gelangen.
Was viele vergessen: Sidemount ist auch ein Logistiktool.
Ein Beach Rolly, Flaschen drauf, 500 Meter zum See – kein Schleppen, kein Schwitzen, keine Rückenprobleme. Nach dem Tauchgang: System im Wasser abnehmen, Flaschen einzeln raus, auf den Rolly, fertig. Spürbar geringere körperliche Zusatzbelastung nach einem fordernden Tauchgang.
„Der beste Tauchgang endet mit einem Ausklingen, nicht mit einem Kraftakt.”
Und ein Punkt, der im Reisekontext oft unterschätzt wird: Verfügbarkeit.
An vielen Fernreisezielen – Mexiko, Karibik, Südostasien – ist ein verbundenes Doppelsystem kaum zu bekommen, oder nur mit tagelanger Voranmeldung. Zwei Alu 80 sind dort überall zu finden. Wer Sidemount taucht, baut sich sein System aus dem Handgepäck zusammen und hat vor Ort das Gas, das er braucht. Im europäischen Binnenland sieht die Rechnung anders aus – hier ist die Stahl-12-Mono oft der Standard, und auch Doppelsysteme sind verbreiteter. Das Argument trägt also vor allem auf Reisen, weniger am Heimatsee.
„Zwei Alu 80 vor Ort sind besser als ein Doppelsystem, das niemand hat.”
Sidemount und der Körper: tauchen trotz allem
Es gibt eine Gruppe von Tauchern, über die kaum jemand spricht – und die Sidemount mehr verdanken als irgendeinem anderen System.
Erfahrene Taucher. Jahrzehnte im Wasser. Full Cave, Tec 2 – alles dabei. Und irgendwann macht der Körper nicht mehr mit. Bandscheibenvorfall. Hüft-OP. Knieprothese. Ein Rücken, der nach einer Strecke zum See tagelang protestiert.
Diese Taucher tauchen nicht weniger gerne. Sie können nur nicht mehr 50 bis 60 Kilo auf dem Rücken zum Wasser balancieren.
Sidemount hat mehrere von ihnen zurück ins Wasser gebracht. Das ist kein Marketing, das ist Praxis: technisch starke, präzise Taucher, die das Doppelsystem schlicht nicht mehr ans Wasser brachten. Mit Sidemount und Beach Rolly kein Problem – Flaschen erst im Wasser anlegen, kein Gewicht auf dem Rücken beim Laufen.
Die Einschränkung war nie der Skill. Es war die Logistik. Und das ist einer der wichtigsten und am meisten unterschätzten Gründe, dieses System zu beherrschen.
Wo Sidemount versagt – und das ist okay
Sidemount ist nicht für alles gemacht. Es gibt klare Grenzen:
Starke Strömung und Bootsaufstieg. Flaschen seitlich, Bootskante, Welle, Strömung – das wird ungemütlich, und das Anlegen im bewegten Wasser kostet Zeit und Kraft. Hier ist Backmount stabiler.
Mehr als zwei Stages. Zwei Stages an einem Sidemount-System sind machbar. Drei und mehr wird schnell unübersichtlich. Für wirklich viel zusätzliches Gas spielt der Rücken seine Vorteile aus.
Tiefe mit echtem Dekoprofil. Wenn das Doppelsystem kommt, hat das meist einen Grund: Gasvolumen und die Failure-Isolation über die Brücke schlagen Ergonomie.
Cave Conservation. In empfindlichen Höhlensystemen spielen Doubles mit ihrem größeren Volumen, breiterem Profil und der Notwendigkeit, die Brücke zu manövrieren, eine unrühmliche Rolle beim Aufwirbeln von Sediment und beim versehentlichen Kontakt mit Formationen. Sidemount hat hier einen echten Vorteil – nicht nur durch das schmalere Profil, sondern auch durch die bessere Kontrolle über den eigenen Körper in Restriktionen. Für Höhlentaucher, denen die Umgebung etwas bedeutet, ist das kein Randargument.
Das ist keine Niederlage. Das ist Werkzeugkenntnis.
Die stille Fehlentscheidung: Doubles oder Sidemount, wo eine Mono reicht
Es gibt ein Muster, das kaum jemand laut ausspricht: Taucher, die mit Doppelgerät oder Sidemount zum Sonntagstauchgang erscheinen – obwohl der Tauchgang flach und kurz ist, die Gasmenge nicht gebraucht wird und es auch nicht dem Training dient.
„Ein Doppelgerät oder Sidemount ohne passenden Tauchgang ist teures Gewicht.”
Hier möchte ich eine Lanze für die Monoflasche brechen, auch sie hat ihre Berechtigung und ist das passende Werkzeug für bestimmte Tauchgänge. Wer mit einer Mono zehn Meter abtaucht, braucht keine zwei Flaschen. Wer sie trotzdem nimmt, weil es professioneller aussieht, trifft keine technische Entscheidung, sondern eine soziale. Die unbequeme Rechnung: Diese Taucher kommen mit dem Großteil ihres Gases zurück. 220 Bar rein, 150 Bar raus.
Die Mono wäre hier die ehrlichere Wahl. Nicht die kleinere – die passendere.
Eine Abgrenzung ist wichtig, damit kein Missverständnis entsteht: Der Punkt ist nicht, dass Doppel oder Sidemount im flachen See grundsätzlich falsch wären. Ich selbst tauche regelmäßig Sidemount und Doppel 12 im See – entweder um dort tiefer und länger zu bleiben, oder schlicht, um in Übung zu bleiben. Wer nicht regelmäßig das übt, was er für die echten Tauchgänge braucht, ist schlecht beraten. Handling, Trim und Problemlösung sitzen nur durch Wiederholung.
Der Unterschied liegt nicht im Equipment, sondern in der Absicht: Üben ist ein Tauchgrund. „Professioneller aussehen” ist keiner.
Der Graubereich – und warum er der ehrlichste Ort ist
Es gibt eine Zone, in der beide Systeme funktionieren würden: Flache und große Höhlen, Binnengewässer mit ruhigem Einstieg, Tauchgänge, die weder extremes Gas noch extreme Stabilität verlangen.
In diesem Graubereich entscheidet Vorliebe. Und das ist vollkommen legitim.
Ich tauche hier am liebsten Sidemount – nicht weil Backmount schlechter wäre, sondern weil es zu meiner Art zu tauchen passt: schmales Profil, Ventile im Blick, selbstständig lösbar, logistisch effizient. Das ist keine Glaubensfrage. Das ist Selbstkenntnis.
Was das alles bedeutet
| Situation | Richtiges System |
|---|---|
| Schwieriger Einstieg im Meer, Strömung, Dünung | Backmount |
| Tiefer Tech-Tauchgang, echtes Dekoprofil, viel Gas | Backmount-Doppel |
| Failure-Isolation als Priorität | Backmount-Doppel (Brücke) |
| Mehr als zwei Stages | Backmount |
| Höhle, Restriktionen, Ventilzugang | Sidemount |
| Binnengewässer, langer Anmarsch | Sidemount |
| Reise, keine Doppel-Verfügbarkeit | Sidemount |
| Rücken-, Knie-, Hüftprobleme | Sidemount |
| Empfindliche Höhlensysteme, Cave Conservation | Sidemount |
| Flacher Sporttauchgang ohne Trainingszweck | Mono – und das ist in Ordnung |
Schlussgedanke
Die Frage „Backmount oder Sidemount?” ist so sinnvoll wie „Schraubenzieher oder Hammer?” Kommt drauf an, was du bauen willst.
Wer beide Systeme beherrscht, ihre Failure-Modi kennt und aufhört, eine Glaubensentscheidung daraus zu machen, taucht besser. Nicht weil er mehr Ausrüstung hat, sondern weil er weiß, was er wählt und warum.
Werkzeugkenntnis ist kein Luxus. Sie ist der Unterschied zwischen einem Tauchgang und einem guten Tauchgang.
Beide Systeme sauber zu beherrschen, lernt man nicht aus einem Artikel, sondern im Wasser. Sidemount über SDI & TDI, Backmount über GUE – bei Christof Müller, nach den gleichen hohen Standards. Basis: Deepstop Schwetzingen · thinking-diver.com