Navigation: Wiederfinden ist keine Glückssache

Der GUE Navigation Primer bei Deepstop Schwetzingen: Reproduzierbarkeit statt Zufallsfund

Navigation: Wiederfinden ist keine Glückssache

Es gibt einen Satz, den ich in Vorgesprächen zum GUE Navigation Primer regelmäßig höre: „Ich will einfach besser wiederfinden, wo ich war.” Das klingt bescheiden. Es ist aber schon die halbe Antwort auf die Frage, was Navigation überhaupt ist – und die meisten Taucher beantworten sie falsch.

Navigation heißt nicht: irgendwo herumtauchen, einem groben Plan folgen und am Ende zufällig etwas Interessantes finden. Das ist Sightseeing mit Kompass. Navigation heißt: einen Tauchgang präzise planen, ihn so durchführen, dass er wiederholbar ist – und danach genau zu wissen, wo man war. So genau, dass sich daraus reale Wegmarken ableiten lassen, die man in eine Karte einträgt und beim nächsten Mal wiederfindet.

Der Unterschied ist Reproduzierbarkeit

Ein Zufallsfund ist kein Navigationserfolg. Ein Navigationserfolg ist, wenn ich denselben Weg ein zweites Mal gehen kann, ohne zu improvisieren. Das ist der Maßstab, an dem ich meinen Kurs ausrichte – und er liegt bewusst über dem, was viele mit „Navigationskurs” verbinden. Er verändert auch die Rolle im Team: Wer den Tauchgang plant und wiederholbar hinbekommt, taucht nicht mehr hinterher, sondern übernimmt.

Ein Zufallsfund ist kein Navigationserfolg. Navigation beweist sich erst beim zweiten Mal.

Was ist hinter der nächsten Ecke?

Reproduzierbarkeit klingt nach Kontrolle, und das ist sie auch. Aber sie ist kein Selbstzweck. Der eigentliche Gewinn ist Neugier: Erst wenn ich sicher weiß, dass ich zurückfinde, kann ich es mir leisten, hinter die nächste Ecke zu schauen. Was ist auf der anderen Seite der Insel? Wie sieht es weiter draußen im See aus? Ist da eine Kante, eine Vertiefung, ein Loch im Grund, das auf keiner Karte steht? Das ist der Moment, für den man eigentlich taucht.

Genau das ist der Kern von Navigation, wie ich sie verstehe: nicht die Angst, sich zu verlieren, sondern die Freiheit, gezielt zu suchen. Wer seinen Weg plant und ihn wiederholbar hinbekommt, taucht nicht enger, sondern weiter. Man kann eine Struktur ansteuern, sie vermessen, sie kartieren – und beim nächsten Mal genau dort weitermachen, wo man aufgehört hat. Aus „irgendwo war da was” wird ein Punkt mit Koordinaten. So fängt Exploration an: im Kleinen, im Baggersee, mit Plan.

Was klassische Navigationsausbildung falsch macht

Bei vielen fängt Navigationsausbildung so an: ein Kompasskurs an Land, danach ein Dreieck oder ein Quadrat im Wasser abtauchen. Ein Dreieck um des Dreiecks willen ist keine Navigation. Es ist eine Kompassübung ohne Zweck – man schwimmt eine Form und ist danach wieder dort, wo man losgeschwommen ist. Bewiesen hat man damit nichts.

Eine geometrische Figur hat durchaus ihren Platz – aber nur, wenn sie bewusst in einen Tauchgang eingeplant wird, um ein bestimmtes Element reproduzierbar anzusteuern. Das Quadrat ist dann kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug: ein Suchmuster, das verlässlich zu einem Punkt und wieder zurückführt. Der Unterschied ist nicht die Form. Der Unterschied ist die Absicht dahinter.

Und nein: Ich unterrichte kein Flossenschläge-Zählen. In der Praxis ist das für echte Navigation nicht praktikabel – bei schlechter Sicht zählt ohnehin niemand zuverlässig mit. Was funktioniert, ist Zeit über eine bekannte Strecke. Das ist kein Detail, sondern der Unterschied zwischen einer Zahl, die im Wasser trägt, und einer, die man sich schöngerechnet hat.

Was in meinen Kursen ebenfalls nicht vorkommt: Flossen-Grundübungen oder Tarierungs-Nachhilfe. Wer hier teilnimmt, taucht bereits sauber. Das ist ein Navigationskurs – kein Einsteigerkurs für jemanden, der gerade erst ins Tauchen hineinschnuppert.

Eine kleine Übung, die ich gern mache, wenn jemand dem Kompass zu sehr misstraut: Der Taucher nimmt eine Peilung, schließt die Augen und macht zwei, drei kräftige Frog Kicks. Augen auf – der Kompass steht noch auf demselben Kurs. Die meisten hatten fest damit gerechnet, blind im Nirwana zu landen; stattdessen folgt eine kurze, fast enttäuschte Stille, weil das erwartete Drama ausbleibt. Die Wahrheit ist unspektakulär: Wer stabil im Wasser liegt, hält den Kurs auch, ohne den Kompass anzustarren. Trim und Buoyancy navigieren einfach mit – und wer vorher keine Peilung hatte, taucht jetzt mit einer.

GUE Navigation Primer – der Rahmen

  • Offizieller GUE-Kurs, zertifiziert durch GUE.
  • Voraussetzungen: Mindestalter 14 · GUE Open Water Diver, GUE Performance Diver oder GUE Fundamentals · mind. 15 Nicht-Ausbildungstauchgänge. Für Doppelgerät und Trockenanzug gelten zusätzliche Erfahrungsanforderungen.
  • Ablauf: in der Regel zwei Tage, mindestens drei Tauchgänge (davon einer bei reduziertem Umgebungslicht), mindestens 16 Stunden Ausbildung.
  • Grenzen: maximal 18 m, kein Overhead, alle Tauchgänge innerhalb der Nullzeit.
  • Inhalt: Kompass (einfach und komplex), natürliche Navigation, Spool/Leine als Guideline, Suchmuster, SMB vom Spool.
  • Sidemount: GUE zertifiziert Schüler in Sidemountkonfiguration in diesem Kurs nicht. Für Sidemount-Taucher läuft der Primer bei mir als Workshop ohne Zertifizierung – gleicher Inhalt, gleicher Anspruch.

Auszug, Stand v10.4. Maßgeblich ist stets die aktuelle Fassung: gue.com/diver-training/standards-and-procedures

Kursstruktur: zwei Tage, drei Tauchgänge

Tag 1 · Theorie & Setup — Vormittags die GUE-Präsentation, danach Land Drills mit Reel, Spool und Leine. Nachmittags der erste Tauchgang: S- und Valve-Drill, erste Navigationsübungen, Landmarken für den Rückweg, Verleinen im Team.

Tag 2 · Wand & Kartierung — Den Beginn einer Wegmarke über eine gegebene Peilung finden – und sie dann vermessen: Tiefen, Peilungen, Strecken zwischen den Punkten. Aus den Daten wird eine Karte.

Reduziertes Umgebungslicht — Einer der drei Tauchgänge findet bei reduziertem Umgebungslicht statt. In unseren Seen ist das selten eine künstliche Übungsbedingung – ab einer gewissen Tiefe liefert der See sie frei Haus.

Planung statt Zufall: Speed und Gas

Statt Flossenschläge zu zählen, messe ich Zeit über eine definierte Strecke: Jeder Taucher im Team schwimmt eine feste Distanz mit dem Kick, den er normalerweise nutzt. Daraus wird eine belastbare Geschwindigkeit – die Grundlage dafür, einen Weg zeitlich zu planen und ihn wiederholbar zu machen.

Parallel läuft die Gasplanung, wie ich sie aus dem GUE-System kenne. Der gemessene AMV ist kein Selbstzweck, sondern geht direkt in die Planung: Minimum Gas, Umkehrpunkte, Reserven. Wer seinen Verbrauch kennt, plant einen Weg, der auch mit dem Gas zurückführt, das man dabei hat – statt mit einer Zahl aus der Tabelle.

Vom Passagier zum Taucher, der führt

Am Ende geht es bei Navigation um etwas, das über Technik hinausgeht: den eigenen Tauchgang zu übernehmen, statt ihm hinterherzutauchen. Wer plant, führt – unabhängig davon, wer im Team die meiste Erfahrung oder die größte Klappe hat. Das ist der Punkt, an dem aus „mitschwimmen” ein „selbst entscheiden” wird. Wie sich dieser Schritt anfühlt, beschreibt eine Teilnehmerin hier in ihren eigenen Worten:

Erfahrungsbericht: Mit einem Plan und Vertrauen unter Wasser

Als ich mich für den GUE Navigations-Primer bei Christof Müller angemeldet habe, hatte ich ein ganz klares Ziel: Ich wollte mich unter Wasser selbstbewusster fühlen. So oft war ich mit meinen überwiegend männlichen Tauchkollegen unterwegs und bin einfach hinterhergetaucht – ohne Plan und immer eher devot. Und ehrlich gesagt hat mich der Gedanke genervt, nicht in der Lage zu sein, den Tauchgang zu führen und Verantwortung zu übernehmen.

Ich wollte nicht einfach nur wissen, wo ich gerade bin, sondern verstehen, wie ich meinen Tauchgang plane, wie ich diesen Plan über und unter Wasser umsetze und am Ende auch sicher wieder dort herauskomme, wo ich es geplant habe. Für mich bedeutet gutes Tauchen vor allem Vertrauen – Vertrauen in die eigene Vorbereitung und in die eigenen Fähigkeiten. Ich wollte Verantwortung übernehmen.

Genau hier hat der Kurs angesetzt.

Wir starteten morgens mit einem gemeinsamen Treffen in Schwetzingen bei Deepstop und einer Theorieeinheit. Ich habe mich wahnsinnig über mein Team gefreut. Neben Christof war auch Christian Schweiger als Intern dabei. Außerdem hätte ich mir keinen besseren Kursdude wünschen können als Arnd Polleis, mit dem es unfassbaren Spaß gemacht hat zu tauchen. Arnd… Kommunikation und Team kannst du! 🤘

Nach einem kurzen Kennenlernen ging es direkt um die Grundlagen einer erfolgreichen Unterwassernavigation. Die Theorie war strukturiert aufgebaut, kompetent und individuell angepasst rübergebracht durch viel Erfahrung in diesem Bereich und hat viele wichtige Aspekte miteinander verbunden: Planung, Orientierung, Kommunikation und die praktische Umsetzung während eines Tauchgangs.

Was ich besonders hilfreich fand: Vor dem ersten Tauchgang haben wir gemeinsam den Umgang mit einem Reel behandelt und gelernt, wie man sauber eine Leine verlegt und befestigt. Dieser Teil war für mich etwas Besonderes, denn im GUE-Programm ist der Navigations-Primer der einzige Kurs, in dem man bereits vor einem späteren Cave-Kurs die Möglichkeit bekommt, den Umgang mit einem Reel kennenzulernen. So bekamen wir schon früh eine wichtige Grundlage für das spätere Höhlentauchen vermittelt.

Danach ging es an einen Baggersee. Nach einer ausführlichen Besprechung des Tauchplatzes, des Tauchgangs sowie einer gemeinsamen Gasplanung starteten wir in unseren ersten Tauchgang. Christof wollte sich zu Beginn ein Bild von unseren Safety Skills machen. Also absolvierten wir jeweils einen S- und einen V-Drill, der uns bewusst machte, wie wichtig regelmäßiges Training ist. 😉

Anschließend begannen wir mit den ersten Navigationsübungen im flacheren Bereich. Hier lernten wir, uns für den Rückweg Landmarken einzuprägen, um an der richtigen Stelle wieder an die Oberfläche zu gelangen. Wir arbeiteten mit dem Reel und konnten jeweils eine Strecke verleinen, wobei es auf Teamwork ankam. Während des Kurses wurde mir klar, dass Navigation unter Wasser viel mehr ist als nur ein Blick auf den Kompass. Es geht darum, eine Awareness für die Umgebung zu entwickeln und einem klar strukturierten Plan zu folgen. Je besser der Plan, umso sicherer und erfolgreicher ist der Tauchgang und umso leichter fällt die Kommunikation.

Am zweiten Tag trafen wir uns direkt am Baggersee und besprachen gemeinsam den Ablauf der geplanten zwei Tauchgänge.

Ziel war es, den Beginn einer Wand mithilfe einer gegebenen Peilung zu finden. Unsere Aufgabe war es anschließend, die Wand mit den erlernten Fähigkeiten zu vermessen, indem wir Daten wie Tiefen, Peilungen und Strecken zwischen einzelnen Punkten dokumentierten. Diese Daten sollten später verwendet werden, um die Wand zu kartieren. Aus vielen einzelnen Datenpunkten wurde plötzlich ein Bild der Wand – eine richtige Darstellung dessen, was wir unter Wasser erarbeitet hatten. Dieser Moment hat gezeigt, wie viel Planung und Struktur hinter einer guten Unterwassernavigation steckt und wie geil es ist, von einer entdeckten Struktur eine Karte anfertigen zu können.

Was ich aus diesem Kurs mitgenommen habe, ist vor allem eines: Sicherheit entsteht durch Vorbereitung. Ich fühle mich heute deutlich selbstbewusster unter Wasser, weil ich in der Lage bin meinen Tauchgang zu planen und meine Umgebung bewusster wahrnehme. Ich bin zu einer besseren Taucherin geworden, die sich ihrer Fähigkeiten bewusster ist.

Danke an die geballte Instruktorkompetenz von Christof und Christian und für den tollen Kurs. Danke an Arnd für diese 100%ige Teamerfahrung.

— Teilnehmerin, GUE Navigation Primer bei Deepstop Schwetzingen

Ich bin Sidemount-Instructor, und viele, die zu mir kommen, tauchen Sidemount. In diesem Kurs zertifiziert GUE Schüler in Sidemountkonfiguration nicht – deshalb biete ich den Navigations Kurs für Sidemount-Taucher als Workshop ohne Zertifizierung an. Gleicher Inhalt, gleiche Systematik, nur ohne das GUE-Brevet.

Das ist keine Notlösung, sondern eine bewusste Entscheidung. Navigation ist eine Frage von Kopf und Plan, nicht von der Position der Flaschen. Peilung nehmen, ein Suchmuster sauber abtauchen, einen Spool führen, die Umgebung lesen – das funktioniert in Sidemount exakt wie im Doppelgerät. Was sich unterscheidet, ist die Karte am Ende, nicht der Anspruch dahinter. Wer Sidemount taucht und Navigation nach GUE-Systematik lernen will, muss dafür weder die Konfiguration wechseln noch Abstriche beim Rigor machen.

Wer sich für den Weg ins technische Tauchen interessiert und hier konkret Wrack oder Höhle, für den bietet dieser Kurs wertvolle erste Erfahrung in der Leinenarbeit. Kombiniert mit einem Intro to Tech ist das ein sauberer erster Schritt.

Warum das der eigentliche Punkt ist

Ein Navigationskurs, der nur Kompasstechnik vermittelt, bildet für einen Ernstfall aus, den es selten gibt – ruhiges Wasser, klarer Kopf, kein Zeitdruck. Was tatsächlich zählt, ist zu wissen, wie sich die eigene Leistung verändert, wenn es nicht ruhig ist. Und dann trotzdem den Weg zurückzufinden, den man geplant hat. Sicherheit entsteht nicht im Wasser. Sie entsteht in der Vorbereitung. Klingt nach wenig Abenteuer. Ist es auch – bis zu dem Moment, in dem hinter der nächsten Ecke etwas auftaucht, das vorher auf keiner Karte stand.

Reproduzierbare Wegpunkte statt Zufallsfund: Wer den GUE Navigation Primer bei Deepstop Schwetzingen systematisch lernen möchte, kann sich unter christof@gue.com melden.