Die Kunst, langsamer zu werden

Slow is smooth, smooth is fast. Warum Zügigkeit aus Bewusstsein kommt, nicht aus Hektik

Die Kunst, langsamer zu werden

Die wenigsten Taucher gleiten. Sie arbeiten.

Man sieht es an den Beinen: kein ruhiger Frogkick mit Gleitphase, sondern viele kleine, hastige Kicks hintereinander. Dazu Hände, die dauernd etwas ausgleichen, und Flossen, die nie stillstehen. Das sieht nach aktivem, sportlichem Tauchen aus. Meistens ist es Kompensation.

Wer es in der Ausbildung beobachtet, erkennt den Ablauf schnell wieder. Ein Taucher soll auf einer Position stehen bleiben, nichts weiter. Nach zwei Sekunden kippt die Lage, ein Kick korrigiert, der Kick schiebt ihn nach vorn, die Hände fangen das ab, und aus dem Stehen ist wieder Arbeit geworden. Gefragt, was gerade passiert ist, sagen die meisten: nichts. Sie merken es nicht. Das Kicken ist zur Grundeinstellung geworden.

Dahinter steckt keine schlechte Technik. Es fehlt die Ruhe, die erst aus dem Können erwächst, und die Bereitschaft, für einen Moment nichts zu tun und der eigenen Lage zu vertrauen.

Ein alter Satz

„Slow is smooth, smooth is fast.” Der Satz stammt aus dem Training moderner Spezialeinheiten, ist aber sehr viel älter. Die Römer kannten ihn als festina lente, „eile mit Weile”. Es war der Lieblingsspruch des Kaisers Augustus, und er meinte ihn militärisch: Hast und Übereilung hielt er für die schlechtesten Eigenschaften eines Feldherrn. Was gut gemacht sei, sei schnell genug gemacht.

Der Kern des Gedankens: Hast und Geschwindigkeit sind nicht dasselbe. Schnelligkeit, die trägt, kommt aus Bewusstheit, nicht aus Eile.

Damit kein Missverständnis entsteht: „Langsam” heißt nicht langsam tauchen. Wer daraus nur noch winzige Kicks macht und in einem ganzen Tauchgang kaum vom Fleck kommt, ist beim anderen Extrem gelandet. Der Kick darf kräftig sein. Gemeint ist der Rhythmus, nicht das Tempo über Grund. Ein kräftiger Frogkick mit langer Gleitphase bringt viel Strecke und bleibt dabei vollkommen ruhig.

Bewusstheit kommt nur durch Können

Zuerst braucht Können Zeit. Jeden Handgriff langsam, gründlich, vollständig, nicht weil Langsamkeit ein Wert an sich wäre, sondern weil eine Fähigkeit nur so wirklich in einen hineinkommt.

Was einem dabei niemand sagt: Auch wenn man es dann kann, ist man nicht fertig. Im Gegenteil. Sobald etwas sitzt, kommt die Versuchung, es schnell zu machen, und schnell heißt beim Menschen fast immer hektisch. Die Hände greifen vor, der Kopf ist schon zwei Schritte weiter, und plötzlich tut man wieder etwas, ohne dabei zu sein.

Genau da muss man einen Schritt zurückgehen. Anhalten. Die Tätigkeit erneut bewusst machen.

Bewusstheit kommt nur durch Können. Aber Können verführt dazu, die Bewusstheit wieder abzulegen.

Solange man mit den Mechaniken kämpft, ist kein Kopf frei für irgendetwas anderes. Erst wer etwas beherrscht, hat den Raum, wirklich dabei zu sein. Das ist der Grund, warum Meditation und Zeremonie über Wiederholung funktionieren: nicht, damit die Bewegung von allein läuft, sondern damit man frei genug wird, sie ganz zu erleben.

Jeder Handgriff eine Kata

Was für den Kick gilt, gilt für die Hände. Die Lampe, sauber weggepackt. Der Boltsnap, sauber geclipt, bevor die Hand ihn loslässt. Die Stage, sauber angelegt. Die Leine, verlegt ohne line traps und mit der richtigen Spannung. Der Griff in die Beintasche, der sitzt. Für den hektischen Taucher sind das lästige Zwischenschritte: halb eingeclippt, Lampe weggestopft, Stage ins Fini geclipt, und jeder unfertige Handgriff wird zur nächsten kleinen Baustelle, bis daraus ein Taskload aus lauter Halbfertigem entsteht. Jeder Griff vollständig, einer nach dem anderen: Das ist die Kata. Und es ist am Ende schneller, weil nichts nachgearbeitet werden muss.

In Sidemount kommt einiges dazu. Zwei Flaschen, zwei Ventile, zwei Automaten, dazu eine Trimmlage, die sich über den Tauchgang verändert, während die Flaschen leerer werden. Vieles, was im Doppelgerät ein Handgriff ist, sind hier zwei, und jeder davon passiert seitlich am Körper, im Blickfeld. Wer dort schludert, sieht es sofort: der schief eingeclippte Boltsnap, der Automat, der nicht dort ist, wo er sein müsste, die Flasche, die nicht sauber sitzt. Das ist einer der Gründe, warum ich Sidemount gern unterrichte. Die Rückmeldung kommt unmittelbar.

Der klarste Fall ist der Gaswechsel. Er muss zügig ablaufen, am Wechsel trödelt man nicht. Aber zügig ist nicht hektisch. Die Geschwindigkeit kommt aus einer klaren, bewussten Sequenz: Flasche identifizieren, MOD prüfen, im Team bestätigen. Nicht aus Eile. Wer hetzt, überspringt genau die eine Kontrolle, auf die es ankommt. Wer es bewusst tut, ist schnell und sicher zugleich. Ein einziger Handgriff, in dem Hast und Sorgfalt zusammenfallen: festina lente, auf 21 Metern.

Bewusstheit nach außen

Solange die Aufmerksamkeit bei einem selbst gebunden ist, bleibt für alles andere nichts übrig. Das zeigt sich am deutlichsten bei der Navigation. Sie verlangt Bewusstheit nach außen: Zeit, Richtung, Tiefe, das Bild der Umgebung im Kopf, während man sich bewegt. Es gibt in der GUE-Ausbildung dafür das Bild der Wahrnehmungskreise: der innerste ist man selbst, dann das Team, dann die Umgebung. Der äußerste Kreis ist der, in dem Navigation stattfindet.

An den kommt nur, wer die inneren nicht mehr besetzt. Wer noch mit seiner Lage kämpft, wer nachjustiert, wer sich seiner Handgriffe nicht sicher ist, hat seine ganze Aufmerksamkeit bei sich selbst gebunden. Der kann nicht navigieren. Er kann nur tauchen und sich hinterher wundern, wo er ist. Bewusstheit nach außen entsteht nicht aus Anstrengung. Sie entsteht daraus, dass man das Innere beherrscht und dadurch frei wird.

Weshalb ich abtauche

Ginge es mir nur um Ruhe, könnte ich meditieren. Dafür braucht niemand Stages und einen Trockenanzug.

Ich tauche auch, um zu explorieren. Und dafür muss man nicht weit fahren. Wir haben so viel Wasserfläche vor der Haustür, und darin Stellen, die kaum jemand anschaut, weil alle dieselbe Runde tauchen. Eine Kante, ein Grund, eine Ecke abseits der üblichen Linie. Dorthin kommt man nur mit dem äußeren Kreis, und wieder zurück auch. Die Ruhe ist dort nicht das Ziel, sondern die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas zu sehen ist.

Dann gibt es die Tauchgänge, bei denen es um gar nichts geht. Abends nach der Arbeit, unter der Woche. Die halten die Handgriffe frisch, und sie sind der Grund, warum die anderen funktionieren. Irgendwann kippt dabei das Tun ins Sein: Man taucht nicht mehr durch das Wasser, man ist im Wasser.

Der Rest, die Flaschen, das Wing, die neueste Spool, ist Ausrüstung: Mittel zum Zweck, nichts weiter. Ein Werkzeug kann versagen, es kann verloren gehen, es kann weg sein. Was dann bleibt, ist der Taucher: seine Ruhe, sein Können, seine Bewusstheit. Deshalb baut man darauf auf, nicht auf Ausrüstung.

Wer diese Bewusstheit von Grund auf aufbauen will, findet den systematischen Einstieg im TDI Intro to Tech: Lage, Trimm, Tarierung, jeder einzelne Handgriff. Ich unterrichte ihn in Sidemount, nach den Anforderungen an Trimm, Tarierung und Standardisierung, die ich als GUE-Instruktor lehre. Kontakt: christof@gue.com